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Die Geschichte des georgischen Volkes

Auf dem Territorium Georgiens wurden menschliche Skelettreste gefunden, welche zu den ältesten Relikten menschlicher Vorfahren gehören. Liegt hier entgegen bisheriger Annahmen die Wiege der Menschheit? Jedenfalls beweisen steinzeitliche Funde (Höhlenwohnstätten), dass der georgische Teil des Kaukasus nachweislich bereits im Paläolithikum (bis 10 000 v.Chr.) besiedelt war. Siedlungsrelikte aus der Zeit um 2000 v.Chr. belegen eine schon hochentwickelte Kultur der Bronzezeit auf georgischem Gebiet. Das georgische Volk gehört damit zu den ältesten im eurasischen Raum. Als seine Wurzeln gelten die Hettiter, die Chaldäer und Sumerer.
Im sechsten Jahrhundert v.Chr. entwickelten sich aus georgischen Königreichen erste Staaten: Kolchis und Iberien. Sie verfügten über einen gut entwickelten Ackerbau und eine ausgeprägte Viehzucht. Die Bewohner waren als geschickte Schmiede und Hüttenwerker über die Landesgrenzen hinweg bekannt. Münzprägung, eine rege Handelstätigkeit sowie bauliche Leistungen (Festungen, Häuser mit Emporen) zeugten von einer hohen Kultur. In diese Zeit wird auch die Entstehung des reichen georgischen Schrifttums gelegt. Das benachbarte griechische Reich unterhielt Kolonien an der Schwarzmeerküste. Sie entwickelten sich zu prosperierenden Handelszentren, von denen Impulse auf das westgeorgische Hinterland ausgingen. Im ersten Jahrhundert n. Chr. wurde Georgien vom römischen Reich erobert. Die georgischen Könige verbündeten sich mit Rom, Georgien wurde zum Satellitenstaat des römischen Reiches. Drei Jahrhunderte später führte Georgien als einer der ersten Saaten der Welt das Christentum als Staatsreligion ein. Diese Entwicklung kann auch als Sinnbild einer ersehnten Eigenständigkeit gegen mohammedanische Welt aufgefasst werden. Bereits im fünften Jahrhundert lagen Georgische Bibelübersetzungen vor.


Das Schicksal Georgiens der Folgezeit prägten Fremdherrschaften. Im 7. Jh. besetzten Araber das Land, im 11. Jh. türkische Stämme. Unter König David der Erbauer jedoch konnte das georgische Reich zu einer neuen Blüte geführt werden. Es entwickelte sich zu einer der bedeutendsten politischen Mächte in Vorderasien. Nun lebten über 13 Millionen Einwohner im Land am Kaukasus. Bauliche Meisterleistungen (z.B. typische Kreuzkuppelkirchen, Bewässerungssysteme) und eine Blüte der Wissenschaft und Literatur (in Europa entsprechend erst im 15./16. Jh.) kennzeichnen diese Zeit. Doch schon im folgenden Jahrhundert besetzen wieder Mongolen (Söhne Dschingis Khans) das Land, gefolgt von den Persern und Osmanen. Verheerungen, Verschleppungen und damit eine Entvölkerung waren die Folge. Georgien zerfiel in einzelne Königreiche und Fürstentümer und wurde wirtschaftlich erheblich geschwächt. 1783 schließlich wird das Land als georgisches Königreich dem russischen Schutz unterstellt und 1801 vom orthodoxen Russland annektiert. Es kommt zur Entthronung des Königs.
Heute leben 5 Millionen Einwohner in Georgien. Dies entspricht 75 Einwohnern pro Quadratkilometer. Das Bevölkerungswachstum beträgt -0.5 % aufgrund einer die Geburtenrate übersteigende Todesrate sowie einer hohen Emigration. Die georgische Bevölkerung setzt sich aus 70% Georgiern, 8% Armeniern, 6% Russen, 6% Azeri, 3% Osseten, 2% Abchasen und 5% anderen Volksgruppen zusammen.

Die Nutzung der Naturressourcen Georgiens

Der deutsche Name Georgiens leitet sich wahrscheinlich aus dem griechischen "georgos", was soviel wie Ackerbauer bedeutet, ab. Schon früh (Kolchis, Iberien) kennzeichnete eine hohe landwirtschaftliche Kultur die georgische Region: Getreidebau, Wein, Obstsorten, Imkerei, Rinderzucht, Leinenweberei. Auch heute noch gilt die Landwirtschaft als das Rückgrat der Volkswirtschaft Georgiens. In ländlichen Gebieten bildet sie einzige Versorgungsquelle. In den Tiefländern, die von weiten Flusslandschaften und Auen geprägt werden, aber auch in den Gebirgsgegenden ist Nutztierbeweidung weit verbreitet. Davon zeugen beispielsweise lichte, von Unterwuchs befreite Hutewälder. Auf 11% der Landesfläche werden Feldkulturen angebaut, hauptsächlich Getreide, Mais und Baumwolle. An der Schwarzmeerküste gedeihen Tee, Zitrusfrüchte und Trauben. Der Herbst gilt den Georgiern als die attraktivste Jahreszeit. Es ist die Zeit der Ernte und der Geburt des neuen Weines. Wichtigste landwirtschaftliche Exportgüter sind Tee und Wein.
Mit der Dezentralisierung Georgiens Mitte des 20. Jahrhunderts ging eine Industrialisierung und Urbanisierung einher. Das Land entwickelte sich zu einer der erfolgreichsten Sowjetrepubliken und nach dem Pro-Kopf-Einkommen zur reichste Republik. Das Gebiet ist reich an Bodenschätzen. Erdöl, Ergas, Kohle, Buntmetalle werden gewonnen. Wichtigste Exportgüter sind Flugzeuge (Luftfahrttechnik) und Metallschrott. Derzeit zeigt das Land ein hohes Wirtschaftswachstum, aber auch eine hohe Arbeitslosenquote und Inflation. In Zukunft beabsichtigt Georgien beispielsweise sich über alte Seidenstrasse als eurasischer Korridor und Brücke für den Transfer zwischen Europa und Asien zu etablieren und so Anschluss an Europa zu gewinnen. Viel Hoffnung wird auf den Tourismus gelegt, welcher zur Zeit noch geringe Bedeutung besitzt.

 

Aktuelle politische Situation in Georgien

Während der Sowjetzeit existierten auf dem Territorium der Sowjetrepublik Georgien die "Autonomen Sozialistischen Sowjet-Republiken" Abchasien und Adscharien, sowie das "Autonome Gebiet" Südossetien.
Die etwa 5 Millionen Einwohner setzen sich aus etwa 40-50 % orthodoxen Christen, etwa 10 % Muslimen und Anhängern anderer oder keiner Religion zusammen. Die wichtigsten Ziele in der Außenpolitik Georgiens sind, die Aufnahme in NATO und EU, die Wiedereingliederung von Abchasien, Adscharien und Südossetien in den Zentralstaat, sowie Sicherheit vor dem oft aggressiv auftretenden Russland. Große wirtschaftliche Hoffnungen werden mit einem Pipeline-Projekt verbunden. Es soll eine Pipeline von Ölfeldern in Aserbaidschan bei Baku nach Ceyhan (osttürkischer Mittelmeerhafen) über Georgien gebaut werden. Menschenrechtsorganisationen und Naturschutzorganisationen kritisieren die Verträge zwischen Georgien und dem Betreiberkonsortium, weil sie Umweltverschmutzungen, Enteignungen und Menschenrechtsverletzungen befürchten (siehe ai-Journal vom 08.01.2003, "Georgien, Menschenrechtsfreie Zone"). Die enormen wirtschaftlichen Probleme des Landes sind unter anderem eine Folge der sowjetischen Industriepolitik. Die Republik wurde als Rohstofflieferanten (u.a. Manganerz) genutzt und ihre Industrie war stark von Zulieferungen abhängig. Durch den Zusammenbruch des sowjetischen Wirtschaftsverbundes, durch Bürgerkrieg, Flüchtlingswellen und das damit verbundene Zusammenbrechen des Tourismus stürzte das Brutto Sozial Produkt von 1991 bis 1994 um 70%. Von 1994 bis 2000 konnte es nur um 11% gesteigert werden. Aus einer der wohlhabendsten Republiken des Sowjetreiches ist eines der ärmsten Länder am Rande Europas geworden.

Chronik der politischen Entwicklung:

Sommer 1990: Unabhängigkeitserklärung Georgiens durch das Parlament
April 1991: offizielle Unabhängigkeitserklärung
Januar 1991-Juni 1992: Bürgerkrieg in Südossetien: 800 Tote, das autonome Gebiet wird seitdem von Russland kontrolliert, die Zentralregierung hat keinen Einfluß
September 1991- Mai 1993: bewaffnete Kämpfe zwischen paramilitärischen Milizen verschiedener Politiker um die Macht in Georgien (Kitowani, Gamsachurdia, Schewardnadse, Iosseliani)
August 1992-1993: Bürgerkrieg in Abchasien: die Separatisten gewinnen mit der massiven Unterstützung Russlands und einiger tschetschenischer Freischärler, Vertreibung von ca. 300.000 Georgiern, seitdem ungeklärter Status der Region.
Mai 1994: Waffenstillstand zwischen Abchasien und Restgeorgien, GUS-Truppen sichern Demarkationslinie, seitdem keine Kämpfe mehr
2. November 2003: getürkte Parlamentswahlen: Die Opposition fordert von Präsident Schewardnadse eine Wiederholung der Wahlen. Es kommt zu Strassenprotesten von Anhängern der Opposition in Tiflis.
23. November 2003: Rücktritt E. Schewardnadses
05. Januar 2004: Michaili Saakaschwili wird mit großer Mehrheit zum neuen Präsidenten Georgiens gewählt.
06. Mai 2004: Flucht des vormaligen Herrschers von Adscharien, Abaschidse. Der Zentralstaat übernimmt die Kontrolle von Adscharien.
20. Juni 2004: Neuwahlen in Adscharien


Der ossetisch-georgische Konflikt:

Die Osseten sind ein indoeuropäisches Volk mit einer Sprache, welche dem Iranisch nahe steht. Sie sind aufgetrennt in Nord- und Südossetien. Zu Ende der Sowjetzeit wohnten in Südossetien etwa 65.000 Osseten, 29.000 Georgier, sowie wenige Russen und Armenier. Etwa 100.000 Osseten wohnten in anderen Teilen Georgiens. Nach den Jahren des Bürgerkrieges waren alle Osseten aus "Restgeorgien" und alle Georgier aus Südossetien ausgewandert oder vertrieben worden. Seit Mitte der 90er existiert ein gegenseitiges Gewaltverzichtsabkommen, welches unter Aufsicht der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) zustande kam und ein Ende der militärischen Konfrontation einleitete. Schwarzmarkt und Schmuggel spielen heute eine zentrale Rolle im Gebiet, welches sich außerhalb der Kontrolle des Zentralstaats befindet.

Der georgisch-abchasische Konflikt:

Abchasien war vormals eine wichtige Tourismusregion welche außer von den Abchasen, einem muslimischen, nordkaukasischen Volk, auch von Georgiern, Armeniern, Russen, Balten, Griechen und anderen Ethnien bewohnt wurde. Von der Gesamtbevölkerung zur Ende der Sowjetzeit, etwa 525.000, stellten die Abchasen nur etwa 93.000 Einwohner. Heute besteht die Bevölkerung nur noch aus etwa 90.000 Abchasen. Der Abchasien-Konflikt wird von Russland genutzt um Georgien unter Druck zu setzen und die Handlungsfähigkeit des Zentralstaats zu schwächen. So konnte die regionale Großmacht den Verbleib von Militärbasen erzwingen. Russland will verhindern, dass NATO-Truppen in Georgien stationiert werden um seinen Einflußbereich zu sichern. Gleichzeitig will es erreichen, dass es nicht zur Neugründungen von Staaten kommt, da dies im nördlichen Kaukasus ebenfalls zu separatistischen Aufständen führen könnte. Abchasien hat keine Chance auf internationale Anerkennung. Als rechtsfreie Zone schadet das Gebiet der Zentralgewalt, da es zu einem Anwachsen von Wirtschaftskriminalität (Schmuggel!) kommt.

Der georgisch-adscharische Konflikt:

Die Adscharen sind ethnische Georgier, welche seit dem 17. Jahrhundert zum Islam konvertierten. Die Region besitzt 380.000 Bewohner, die Hauptstadt ist Batumi am Schwarzen Meer. Der Familienclan von Präsident Aslan Abaschidse hielt bis vor kurzem alle Macht inne. Die Region strebte keine Sezession, sondern weitgehende Autonomie an.

Literatur/ weitere Informationsquellen im Netz:

Diehl, E., J. Faulenbach, et al. (2003). Informationen zur politischen Bildung aktuell: Kaukasus-Region. Bundeszentrale für Politische Bildung.

Radio Free Europe/ Radio Liberty Caucasus Report: www.rferl.org

amnesty international Deutschland: www.amnesty.de

Georgien Nachrichten: www.georgien-nachrichten.de