Vor knapp zwei Jahren begleitete die Thüringer Allgemeine Studenten
der Friedrich-Schiller-Universität auf eine botanische Expedition nach
Spitzbergen. Zahlreiche wissenschaftliche Resultate und Aktivitäten
im Nachfeld der Unternehmung waren das Ergebnis dieser Reise. So berichteten
die Studenten auf zahlreichen Diavorträgen in Schulen, Museen und Universitätshörsälen
von Dresden bis Nordhausen von ihren Erlebnissen. Auch eine Ausstellung
vermittelt Wissenswertes zur Expedition. Auch 2004 sollen die wissenschaftlichen Ergebnisse der Expedition von Öffentlichkeitsaktivitäten der Studenten in Form einer eigenen Internet-Seite, eines von den teilnehmenden Studenten gestalteten Diavortrags sowie einer Ausstellung über den Kaukasus begleitet werden. Die Thüringer Allgemeine wird an dieser Stelle in loser Folge von den Vorbereitungen der Expedition, von ihrem Verlauf und den erzielten Ergebnissen berichten. |
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| Quelle: Thüringer Allgemeine vom 30. März 2004 |
Für die Teilnehmer der Kaukasus-Expedition 2004 begann mit dem Beginn des Sommersemesters an der Friedrich-Schiller-Universität Jena die heiße Phase der Vorbereitungen. Wöchentlich kommen Sie zu einem Seminar zusammen. Der Zeitplan sowie die Expeditionsziele stehen nun fest. Drei Zielgebiete stehen im Zentrum der Unternehmung: Den größten Zeitraum wird die Erforschung der Kaukasus-Hauptkette beanspruchen. Es ist ein Aufstieg zum Kazbek-Massiv an der georgisch-russischen Grenze geplant. Dort findet sich eine einzigartige, unberührte Hochgebirgsvegetation. Die genaue Route wird aber erst im Sommer festgelegt, da sich erfahrungsgemäß durch unvorhergesehene Witterungsverhältnisse Änderungen ergeben können. In einem zweiten Teil sollen Untersuchungen im Kleinen Kaukasus, in devastierten Weidegebieten mit Trockenrasen sowie wald- und schluchtenreichen Regionen der Gebirgsstufe durchgeführt werden. Schließlich wird die Gruppe auch Tbilissi, der alten Hauptstadt Georgiens, einen Besuch abstatten und dort unter anderem die Universität mit den entsprechenden botanischen Einrichtungen wie dem Botanischen Garten, Herbarium, Laboratorien sowie das ethnographische Museum besichtigen. Die Expeditionsgruppe bemüht sich derzeit, die notwendige Ausrüstung zusammenzustellen. Dabei kann auf die Erfahrungen früherer Expeditionen in Hochgebirge zurückgegriffen werden. Es ist vorgesehen, sowohl im Großen als auch Kleinen Kaukasus täglich wechselnde Lager einzurichten. Die dafür benötigten Zelte müssen deshalb sowohl Hochgebirgstauglichkeit, also Stabilität und Unwetterbeständigkeit, besitzen, gleichzeitig aber ein möglichst geringes Tragegewicht aufweisen. In Georgien erwarten die Teilnehmer der Expedition unterschiedlichste Witterungsbedingungen. Tbilissi liegt auf 450 Metern über dem Meeresspiegel und ungefähr auf der geographischen Breite von Neapel. Hier können die Sommer heiß (bis 40°C) und schwül werden. Die Bergregionen kennzeichnet dagegen ein alpines Klima mit zum Teil stark schwankenden Temperaturen und hohen Niederschlagsmengen aus. Deshalb gehört extrem wetterfeste und warme Kleidung zur Grundausrüstung eines jeden Expeditionsteilnehmers. Die Gruppe wird bis in die Schneeregionen vordringen. Funktionsbekleidung, welche wind- und regendicht verarbeitet ist, wird im Hochgebirge unerlässlich sein. Sie ermöglicht auch eine Gewichtsreduktion des Gepäcks. Auch das Schuhwerk wird während der Expedition enormen Belastungen ausgesetzt. Die Gruppe wird sich auf unbefestigten Wegen und heißem Steppenboden der Ebene, dauerfeuchten Wiesen und Waldboden des Hügellandes sowie Felspartien und Geröllfeldern des Hochgebirges fortbewegen. Oberhalb der Baumgrenze werden dann auch Schneefelder hinzukommen. Zudem sind immer wieder kalte Gebirgsbäche zu überqueren. Selbstaufblasbare Isomatten, welche eine Isolationsschicht aus Luft
erzeugen, schirmen die Bodenkälte ab. Schlafsäcke mit Daunenfeder- oder
Synthetikfaser-Füllung und einem Komfortbereich bis in den Minusgrad-Bereich
hinein halten für die Nacht warm. Die gesamten Nahrungsmittel für die
Bergbesteigungen müssen auf dem Rücken mittransportiert werden. Wie die
Erfahrungen vorangegangener Expeditionen lehren, werden sich die täglichen
Mahlzeiten aus selbstgemischtem Müsli am Morgen, einer Zwischenmahlzeit
aus Knäckebrot mit Fisch oder Fleisch sowie selbst hergestellten Energie-Riegeln
mittags und am Abend einer größeren Mahlzeit mit dem Hauptbestandteil
stärkehaltiger Nahrungsmittel (Gries, Reis, Kartoffelbrei u.a.) zusammensetzen.
In einem 9-Liter-Topf, welcher schon so manche Exkursion Jenaer Botaniker
begleitet hat, wird das Essen gekocht. Georgien bietet als Entstehungszentrum
vieler Obstsorten den Vorteil, stets an vitaminreiche Zusatznahrung gelangen
zu können. Einen der wohl wichtigsten Ausrüstungsbestandteile im Gepäck
der Studenten wird jedoch sicherlich die Fotoausrüstung bilden, nicht
zuletzt, da für den kommenden Herbst eine Dia-Reportage zur Expedition
geplant ist. Zu diesem Zweck wird auch ein Expeditionstagebuch geführt.
Am 26. Juli 2004 hebt der Flieger mit den Studenten und Wissenschaftlern
aus Jena in Richtung Georgien ab, am 16. August wird die Expeditionsgruppe
zurückkehren. Dann wird die oft anstrengende Vorbereitungszeit sich, so
hoffen die Studenten, gelohnt haben. Die Thüringer Allgemeine steht durch
Internet-Korrespondenz mit den Expeditionsteilnehmern in Kontakt und wird
live aus Georgien berichten. |
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| Quelle: Thüringer Allgemeine vom 04. Mai 2004 |
Der Jenaer Biologe Ernst Haeckel (1834-1919) gilt als der wohl bedeutendste Verfechter und Verbreiter des darwinistischen Gedankengutes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und um die darauffolgende Jahrhundertwende in Deutschland. Haeckels Lebenswerk erhielt sein charakteristisches Gepräge durch den Kampf für eine Abstammungstheorie, welche nur naturwissenschaftliche Erkenntnisse anerkannte und den Menschen neben allen anderen Organismen einbezog. Zu naturwissenschaftliche Studien, aber auch zur Popularisierung seiner Idee des Lebens (Haeckel zeichnete beispielsweise als erster Stammbäume des Organismenreiches) bereiste er bis ins hohe Alter die unterschiedlichsten Gegenden der Erde. Dabei war Haeckel auch als Künstler unterwegs. Zahlreiche Aquarelle und Zeichnungen des Darwinisten befinden sich im Besitz des Ernst-Haeckel-Hauses Jena, wo sein wissenschaftliches Erbe verwaltet wird. Hier werden auch die umfangreichen Reisenotizen des Forschers archiviert und im Institut für Geschichte der Naturwissenschaften, Medizin und Technik der FSU Jena unter der Leitung von Prof. Breidbach analysiert. Für das Jahr 1897 finden sich in Haeckels Notizbüchern hochinteressante Eintragungen: In diesem Jahr unternahm der Forscher das einzige Mal in seinem bewegten Leben eine Reise in das damals zaristische Russland. Anlass war ein internationaler Geologenkongress in St. Petersburg. Jedoch noch vor Ende des Kongresses reiste Haeckel wieder ab. Gemeinsam mit dem Hallenser Professor für Geologie Johannes Walter und dem aus Freiburg stammenden Georg Böhm, Professor für Geologie und Paläontologie, wollte Haeckel den Kaukasus überqueren und plante einen Besuch der georgischen Hauptstadt Tbilissi. Die Eisenbahn brachte die drei Forscher nach Waldikawkas, wo sie mit einem "Revolver und Munition, zum Schutz gegen die (immer noch zahlreichen) Räuber" ausgerüstet in einem "leichten viersitzigen Wagen, 4 Pferde nebeneinander gespannt" in vier Tagen abenteuerlicher Fahrt den wilden Kaukasus bezwangen und wohlbehalten in Tbilissi ankamen. Sie benutzen die große Heerstraße, einen alten Karawanenweg und gleichzeitig die kürzeste Verbindung zwischen dem Norden und dem Orient. An dieser Stelle laufen die Linien von Haeckels Georgienreise vor gut 100 Jahren und der Kaukasus-Expedition Jenaer Biologie-Studenten in diesem Sommer zusammen. Auf seinen Spuren werden die Teilnehmer auf der großen Heerstraße bis zum Kasbek-Pass vordringen. Natürlich sind die Transportbedingungen nicht mit denen zur Zeit Haeckels zu vergleichen, die 4 Pferde werden wohl gegen ein paar Dutzend Pferdestärken in einem alten LKW eingetauscht. Er bringt die Studenten in den traditionsreichen georgischen Ort Kasbek. Hier wo Haeckel einige der insgesamt sechs größeren Aquarelle und viele der kleineren Skizzen vom Kaukasus anfertigte, während die ihn begleitenden Geologen stets mit dem Hammer unterwegs waren, um Gesteinsproben zu nehmen, werden die Studenten den Aufstieg ins Hochgebirge wagen. Haeckels Bilder zeigen eindrucksvoll die kaukasische Landschaft, wie er sie vor gut 100 Jahren erlebte. Wechselvolle Zeiten hat die Region seitdem erlebt: einst georgisches Königreich, später unter russischer Sowjetherrschaft und nun als Republik Georgien. Haeckel reiste weiter Richtung Süden. In der Hauptstadt angekommen, besuchte er neben dem berühmten Botanischen Garten das Kaukasisches Museum. Dieses war vom Deutschen Gustav Radde gegründet worden. Aus der Einrichtung ging unter anderem das Georgische Staatsmuseum hervor, welches einen Höhepunkt des Besuches in der georgischen Hauptstadt auch für die Studenten 2004 bilden wird, ebenso wie eine Führung durch den noch heute existierenden Botanischen Garten. |
Haeckels Reise war das Ergebnis eines intensiven Briefwechsels zwischen Jena und Tbilissi und bildete gleichzeitig den Ausgangspunkt späterer Schreiben. Gleichzeitig bietet Haeckels Reise vor über 100 Jahren aber auch eine wesentliche Grundlage der Studenten-Expedition in diesem Jahr, und das nicht nur, weil die teilnehmenden Studenten alle in ihrem Studium in Jena auch einmal das Arbeitszimmer des Evolutionsforschers im Ernst-Haeckel-Museum besucht haben und in den Regalen vielleicht das große Naturwerk "Grundzüge der Pflanzenverbreitung in den Kaukasusländern" von Gustav Radde aus Tbilissi entdeckten, welches dieser Haeckel als Dank für seinen Besuch nach Jena gesandt hatte. Die Expedition ist gleichzeitig ein Stück nachempfundene Wissenschaftsgeschichte. |
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| Quelle: Thüringer Allgemeine vom 25. Mai 2004 |