Reisebreichte von der Expedition



Tbilissi - Die Hauptstadt Georgiens


Im Winter ist es in Tbilissi wesentlich kälter als in Deutschland. Das können wir uns gar nicht so richtig vorstellen, bewegen wir uns doch derzeit bei 30°C im Schatten durch die engen lassen der Hauptstadt Georgiens. Man erzählte uns dass öffentliche Gebäuden und Privatwohnungen in den Wintermonaten meist dennoch unbeheizt bleiben. Die Energiekrise Georgiens - die verbleibenden Wasserkraftwerke können den Strombedarf nicht decken - ist bis heute nicht überwunden. Wir wohnen in Privatwohnungen in abenteuerlichen Hochhäusern. So katastrophal diese von außen anzusehen sind, die Wohnungen sind äußerst liebevoll und geradezu herrschaftlich ausgestattet. Die Bewohner teilen Sie mit uns für die Dauer unseres Aufenthaltes in Tbilissi und versorgen uns mit exzellenter georgischer Küche.
Der Verkehr auf den Hauptstrassen ist für extrem gewöhnungsbedürftig. So gibt es weder Fahrspuren noch Fußgängerüberwege. Die Fahrtrichtung zeigt der Fahrer unseres angesichts der Straßenverhältnisse noch erstaunlich funktionstüchtigen Kleinbusses durch hartnäckiges Hupen an. Der Namen der Stadt bedeutet soviel wie "Warme Stadt" und geht auf heiße Schwefelwasserquellen im Stadtgebiet zurück. Sie besitzen Temperaturen zwischen 24 und 38°C und sprudeln im iranisch anmutenden Bäderviertel. Gegen die Hitze im Sommer helfen sie also nur wenig. Ein angenehmes Klima werden wir im Botanischen Garten vorfinden. 1845 angelegt, war er mit seinen 130 Hektar Fläche, durchzogen von einem kleinen Flüsschen schon im späten Mittelalter ein königlicher Park.
In Tbilissi leben ca. 1,5 Millionen Einwohner. Die Metropole erstreckt sich beiderseits des Flusses Mtkwari. Wie Schwalbennester kleben die Häuser Tbilissis Altstadt an den hohen grauen Felsen des linken Steilufers. Ein großer Teil der Altstadt steht unter Denkmalschutz. Von den kopfstein-bepflasterten Gassen aus bestaunten wir die ein- bis zwei-etagigen Wohnhäuser mit den kleinen Höfen, von Balkonen und Veranden eingefasst. Sie zeigen den Stil der in ganz Georgien typischen Landhäuser mit ihren Schnitzereien und Ziersäulchen. Die hier lebende Bevölkerung ist teilweise extrem arm und verdient im Monat umgerechnet zehn Euro, das sind 22 Lari. Hoch oben über der Stadt thront die alte Festung "Narikala". Genauer gesagt thronte sie über Jahrzehnte dort, denn ein Blitz traf 1827 das Pulvermagazin in den Kasematten und richtete eine verheerende Verwüstung an. Heute stehen nur noch die Ruinen der einst glanzvollen Burganlage. Für uns beeindruckend waren die zahlreichen Kathedralen der Stadt - Musterbeispiele georgischer Baukunst. Im ältesten Kultbau Tbilissis, der Antschisschati-Basilika erklang der weltberühmte traditionsreiche georgische Chorgesang.
In der Neustadt geht es turbulenter zu. Bis zum 19. Jahrhundert herrschte ein chaotisches Durcheinander verschiedener Baustile, wie wir beim Gang durch die weitläufigen Strassen beobachten können. Danach hat man versucht, die Stadt dem russischen Klassizismus anzunähern und sie in eine Großstadt nach westeuropäischem Muster zu verwandeln. Dennoch wuchs Tbilissi weiter nach ganz eigenen Gesetzen. Die im Jahre 1969 errichtete U-Bahn bringt uns direkt zum Rustawelli-Prospekt, der Hauptstrasse Tbilissis. Neben Cafes und Restaurants finden sich an dieser wichtigsten Verkehrsader der Stadt auch das Staatliche Museum Georgiens, dem wir einen Besuch abstatten und wo ich zu meiner Freude zahlreiche Unterlagen über deutsche Naturforscher des ausgehenden 19. Jahrhunderts in den Archiven vorfinde. Die Ausstellung schöpft aus einer reichen Sammlung der Stein- und Bronzezeit sowie Kulturschätzen des Mittelalters. Nicht weit entfernt findet sich zu unserer Freude eine ganz andere "Sehenswürdigkeit" der Stadt: der Lagidse-Pavillion. Er wurde vor vielen Jahrzehnten von der Gebrüdern Lagidse gegründet, die hier aus Früchten hergestellte Sirups in verschiedenen Geschmacksrichtungen verkauften. Bis heute sind die Rezepte Familiengeheimnis. Die Strassen säumen unzählige kleine Verkaufsstände, an denen die Menschen praktisch alles, sogar ihr eigenes Hab und Gut, verkaufen, um zu überleben.
Unser Blick fällt auf das ehemalige Luxushotel Iweria. Es erinnert uns an die zum Teil dramatischen Zustände hier in Georgien. Das Hotel ist zum Bersten mit Flüchtlingen aus Abchasien belegt, die aus der abtrünnigen Region aufgrund ethnischer Konflikte vertrieben wurden. Das Gegenbeispiel finden wir in der Kaschweti-Kirche am sogenannten Alexandergarten: Hier wurden die Gottesdienste unter einem Dach auf zwei Etagen in zwei Sprachen - Georgisch und Russisch - abgehalten. Und auch in der 1918 gegründeten staatlichen Universität, welche wir besuchen, hören Studenten aller georgischen Regionen gemeinsam Wirtschafts-, Medizin- oder naturwissenschaftliche Vorlesungen für ein in Zukunft hoffentlich friedliches Georgien.

Quelle: Thüringer Allgemeine vom 05. August 2004



Der Nationalpark und der südliche Kaukasus


Verlässt man Tbilissi auf der Landstrasse Richtung Süden, beginnt schon bald die Strecke abenteuerlich zu werden. Die Strassen sind hier schlechte Feldwege, gepflastert mit knietiefen Löchern und belagert von Schweinen, Schafen und Rindern. Neben den Gebirgen ist ein Drittel der Fläche Georgiens mit Hügeln bedeckt. Der sogenannte kleine Kaukasus erreicht
immerhin auch Höhen von über 3000 Metern. Die Landschaft prägt eine intensive Weidewirtschaft mit nomadenähnlichen Strukturen. Dies durften wir erleben, als wir von aserbaidschanischen Schäfern in ihre Jurte zum Schafmahl eingeladen wurden. Zubereitet wurde von einem Schaefer, der heute über 1000 Tiere sein Eigen nennt. Die Gastfreundlichkeit dieser nach unseren Verhältnissen sehr armen Bevölkerung Georgiens hat uns immer wieder auf unserer Reise beeindruckt. Die Vegetation des kleinen Kaukasus ist stark von der Weidewirtschaft geprägt. In den Dörfern findet man beispielsweise
typische Pflanzenarten bäuerlicher Siedlungen, die es auch bei uns in Deutschland vor der Industrialisierung der Landwirtschaft vorkamen, heute jedoch extrem selten oder ausgestorben sind. Zwischen durch Erosion gerundeten Höhenzügen liegt in Zentralgeorgien der Borjomi-Nationalpark. Der Park wurde 1995 mit Hilfe des WWF und der
Unterstützung durch die deutsche Botschaft in Georgien unter anderem auch mit deutschen Spendengeldern eingerichtet. Hier beeindrucken vor allem die Hochstauden-Pflanzengesellschaften, wie wir sie aus Mitteleuropa nicht kennen. Der Borjomi gilt als er erste Nationalpark der Kaukasusregion mit internationalen Standards und einer der größten Parks auf dem europäischen Kontinent. Er bietet zumindest für ein begrenztes Gebiet von 76 000 Quadratkilometern dem Ausverkauf des Landes Einhalt. Vor 1990 war der Tourismus einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der blühenden russischen Provinz Georgien. Aufgrund des Bürgerkrieges jedoch finden nur noch wenige Besucher den Weg in die atemberaubende Natur des Nationalparks. Georgien gilt als waldreiches Land. In den natürlichen Waldgebieten lebt unter anderem auch der Kaukasische Wolf, der nirgends sonst auf der Welt beheimatet ist. Aber auch die subalpinen und alpinen Wiesen im südlichen Kaukasus erwarteten uns zahlreiche seltene Tier- und Pflanzenarten. Ein verschlungenes Pfadnetz führte zu Stellen mit atemberaubenden Aussichten. Immer wieder kamen wir an
mittelalterlich wirkenden Dörfern mit lange Geschichte vorbei. In Gebieten mit Weidewirtschaft gibt es kaum noch Wälder. Hier heizen die Menschen mit
getrockneten Kuhfladen, die sie im Sommer in ihren Gärten zum Trocknen auslegen. Ein Erlebnis sind die Basare, auf denen vor allem Obst und Gemüse angeboten werden. Georgien wird als ein Zentrum der Entstehung des Obstanbaus von der Wissenschaft angesehen. Überall treffen wir auf freundliche Menschen, die uns zu sich einladen. Unabhängig von der Tageszeit wird dabei als Willkommensgruss Wodka gereicht, was uns zugegebenermaßen etwas zu schaffen macht. Dr. Shamil Shetekauri jedoch, unser Führer während der Expedition und versierter Fachmann was die georgische Flora betrifft, vermittelte in manch komplizierter Situation. Die Georgier sind eines der ältesten Kulturvölker Europas. Unzählige Eroberungen fremder Kulturen in der Geschichte Georgiens haben ihre Spuren und verschiedene Volksgruppen hier zurückgelassen. Die Menschen leben von Handwerk und Ackerbau,
wobei der Weinbau eine Besonderheit bietet. In den abwechslungsreichen Berg- und Hügelregionen gedeihen die mannigfaltigsten Rebsorten. Sie werden noch heute in Handarbeit und kaum mechanisiert zum berühmten georgischen Wein verarbeitet. Getrunken wir der Wein dann zu allen Gelegenheiten. Und in großen Mengen zum Schafmahl.

Quelle: Thüringer Allgemeine vom 18. August 2004

 




Mitternachtsgewitter im Großen Kauskasus


Wie eine große Barriere wirkt er, der Kaukasus. Das Gebirge, an welches Zeus Prometheus schmieden lies, da er durch eine List dem Gottvater gegenüber den Menschen das Feuer gebracht hatte und gleichzeitig nördliche natürliche Grenze Georgiens. Der Große Kaukasus gilt als eine der vielfältigsten Regionen der Erde. Zwanzig Prozent des Gebirgsmassivs liegen höher als 2000 Meter über dem Meeresspiegel. Die vielgestaltige Landschaft verursacht ein sehr wechselhaftes Wetter. Hier haben wir zehn atemberaubende Tage verbracht. Diese gigantische Landschaft erscheint uns nach mehreren abenteuerlichen Wanderungen noch vieldeutiger und undurchschaubarer als zuvor. Unsere täglichen Expeditionen führten uns vorbei an gigantischen Felsmassiven, deren Gipfel auch im Hochsommer ihre Schneemütze nicht verlieren. Im Winter sind diese Bergregionen kalt und schneereich. Die physikalische Verwitterung (Nachtfröste sind auch im Sommer möglich, Quellen verraten Wasseradern im Gestein) fordert hier wie überall auf der Welt ihren Tribut, Frost und Wasser tragen die Berge allmählich ab. Jedoch wird dies noch viele hundert Jahrtausende andauern. Nichts desto trotz bekommen wir dieses Phänomen selbst zu spüren, immer gewahr von Steinschlag und Muren. Erleben konnten wir dieses Schauspiel bei einem Mitternachtsgewitter, das auf 2500 Höhenmetern über uns hereinbrach und die Zelte vor eine ziemliche Belastungsprobe stellte. Besucht haben wir den Kasbegi. Höchster Punkt Georgiens. Ein imposanter, vergletscherter Riese. Manche dieser Berge sind erloschene Vulkane, was man ihnen heute noch ansieht. Das gesamte Gebiet gilt als erdbebengefährdet. Trotzig liegen sie deshalb inmitten der Bergriesen, die kleinen Bergsiedlungen mit ihren altertümlichen Bauten. Am imposantesten wirken dabei die Wehrtürme. In keiner Gegend der Erde gibt es wohl so viele Sprachen und Kulturen wie im Kaukasus. Und auch die tief reichende Gastfreundschaft erscheint angesichts dieser rauen Landschaft außergewöhnlich. Die Kirchen in den größeren Siedlungen und vor allem die vereinzelten Klöster in ihrer Abgeschiedenheit bieten einen tiefen Blick in die Seele der Bergvölker. Neben den Dörfern weiden die Kühe der Dorfgemeinschaft. Weideland dominiert die Höhenzonen zwischen 1800 und 2000 Metern über dem Meeresspiegel. Hier und darüber erstrecken sich die ausgedehnten Rasen einer farbenprächtigen Hochgebirgsvegetation. Unter anderem dafür waren wir ja hierher gekommen. Unsere Mappen füllten sich zusehends. Abgekapselte Gebirgstäler mit ihren übereinanderliegenden Klimazonen und den abschottenden Bergen ermöglichten eine ungestörte Entwicklung einzigartiger Lebensgemeinschaften. Jedoch ist diese einmalige Vegetation des Kaukasus einer hohen Gefährdung ausgesetzt. Die schwierigen Lebensbedingungen der Bevölkerung führen zu einem verstärkten Rückgriff auf die natürlichen Ressourcen. Dem Land fehlen schließlich die finanziellen Mittel für den Erhalt der weltweit einzigartigen Naturausstattung. Das Material – zahlreiche Pflanzenarten, die nur hier im Kaukasus vorkommen – wird den Bestand des Herbariums Haussknecht in Jena mit einigen außergewöhnlichen Exemplaren von Seltenheitswert weiter komplettieren. Unseren Wasservorrat aufzufüllen, bereitete indes keine großen Schwierigkeiten. Die unzähligen kleinen Bergflüsse führen ein klares Wasser. Sie retteten schon seit zwei Jahrtausenden vielen Menschen das Leben bei der Überquerung des Kaukasus. Heute bewegt sich der meiste Verkehr entlang der alten Heerstraße, die auch wir für unsere Anfahrt auf den Kaukasus nutzten. Sie trennt den Zentral- vom Ostkaukasus ab. Der alte Karawanenweg ist die kürzeste, aber nichts desto trotz immer noch beschwerliche Verbindung zwischen dem Norden und dem Orient. Ruinen alter Festungsmauern und Überreste von Palästen ehemaliger Herrscher Georgiens säumen den Weg. Auch wenn durch die Fertigstellung einer Eisenbahnverbindung Ende de 19. Jahrhunderts zum Verlust der wirtschaftlichen Bedeutung des Heerstraße führte, ermöglicht sie noch heute den kulturellen Austausch zwischen dem georgischen und dem russischen Volk.

Quelle: Thüringer Allgemeine